Extremismus und Fieber

Slavoj Zizek, Ärger im Paradies, Verlag S.Fischer

Slavoj Zizek schreibt in seinem Buch „Ärger im Paradies“ über terroristische Fundamentalisten, diese seien im Grunde keine wirklichen Fundamentalisten, da ihnen das fehle, was alle Fundamentalisten, gleich welcher Couleur, ausmache: die Abwesenheit von Verbitterung und Neid, die große Gleichgültigkeit gegenüber der Lebensweise der Ungläubigen. „Extremismus und Fieber“ weiterlesen

Das Grauen

Éric Vuillard, Kongo, Matthes & Seitz


Nochmal Éric Vuillard. Diesmal: Kongo. Das Buch handelt von der Kongo-Konferernz, die der deutsche Heringskanzler 1884 einberufen hatte mit dem Ziel, die Handelsverhältnisse in Zentralafrika zu regeln. Vuillard konzentriert sich auf einige der Anwesenden in der ihm ganz eigenen Art – ein von zurückhaltenden Spott durchzogenes Herantreten an die äußere Erscheinung und die charakterliche Ausformung des Protagonisten.

Am Ende bleibt er bei den Belgiern hängen, die im Auftrag von König Leopold einen Großteil des Kongogebietes sich einverleibten, um daran ohne jedwede Rücksicht sich zu bereichern. Je weiter die kurze Schrift voranschreitet, desto mehr spürt man das Bemühen Vuillards passende Worte und Bilder zu finden, für das Grauen (Das Grauen! – wie man es Joseph Conrads Herz der Finsternis und Coppolas Apokalypse Now kennt) und das sagenhafte Leid, welches die weißen Ausbeuterer über die Menschen brachten. All das mündet schließlich in einen Fiebertraum und der Beschreibung des kläglichen Endes einer der vielen Handlanger, die, auf eigenen Gewinn erpicht, für den König die Peitsche schwangen und mit allerlei Gewalt und Feuer eine blutige Spur der Zerstörung hinterließen in einem Land, das sie nie verstanden, das sie hassten, mit Menschen, die sie nicht verstanden und die sie hassten, die für sie Dreck waren, weniger wert als die tote Maus, die einem die Katze morgens vor die Schlafzimmertür legt.

Unweigerlich musste ich an die Vorfälle in Minnesota denken, an das Bild von dem weißen Polizisten, das Knie auf den Hals von George Floyd gedrückt, dessen Rufe um Hilfe, das Wissen um seinen Tod nur kurze Zeit später. Die Versuchung, die “dort drüben” abzustempeln als Rassisten, als eine bis in ihre Wurzeln verkommene Gesellschaft, regiert von der fleischgewordenen Inkompetenz, der krawattenbehangenen Misogynie, den Posterboy des old-white-man und was einem sonst noch so an schlechten Eigenschaften einfallen mag.

Nur haben wir keinerlei Grund uns auf die Schulter zu klopfen. Auch bei uns sterben dunkelhäutige oder sogenannte fremdländische Menschen in Polizeigewahrsam. Natürlich ist es nicht so wie in den USA, wo einer von tausend farbigen jungen Männern die Gewissheit haben darf, von der Polizei erschossen zu werden. Aber auch hier muss ich als Nichtweißer immer damit rechnen, bei einer Kontrolle als erster heraugezogen zu werden und allein durch die Tönung meiner Haut Verdacht zu erregen.

Wie aber damit umgehen als jemand, der, geschichtlich gesehen, zur Tätergruppe gehört und noch nie in seinem Leben rassistische Diskriminierung erfahren hat? Ich bilde mir ein, meinen Vorrat an Vorurteilen auf den geringst möglichem Niveau eingependelt zu haben. Aber das ist natürlich Selbstbetrug. Es geht ja nicht darum, ob ich das N-Wort gebrauche, alle Moslems für potentielle Terroristen halte oder bei jedem Dunkelhäutigen sofort denke, er befände sich gerade auf der Jagd nach jungfräulichen weißen Töchtern.

Viel schlimmer ist die Tatsache, Profiteur einer Gesellschaft zu sein, die auf Ausbeutung und Ausgrenzung aufgebaut ist. Meine Empörung, wenn ich die Bilder von George Floyd, den Opfern der NSU, den Toten von Hanau und Solingen sehe, verlässt den Sessel nicht, auf dem ich sitze. Sie dröhnt in meinem Kopf und ist Schmerz und Entschuldigung gleichermaßen. Was nicht stattfindet ist eine wirkliche Bewegung, eine wirkliche Reaktion. Stattdessen halte ich die Menscheit als Ganzes für einen fürchterlichen Irrtum der Evolution und erteile mir durch diese, mich selbst einschließende Verurteilung die Absolution für mein Nichtstun. Ich sehe Bilder aus Hong Kong von gefesselten, auf den Boden gedrückten jungen Menschen, die Gesichter vor Schmerz und vom Tränengas verzerrt und verquollen und denke: Was eine Grausamkeit! Wie viel Leben und Freiheit ist in diesen Moment erstorben, wie viel Hoffnung niedergeknüppelt und was hat dieser Mensch, der vielleicht den Rest seines Lebens unter dem leiden wird, was er an diesem einen Tag getan hat (nämlich zu protestieren) und ihm daraufhin angetan wurde, für einen hohen Preis bezahlt, nur damit andere, die nach ihm kommen (morgen, in einem Jahr, in zehn Jahren?) es besser haben und ihre Freiheit genießen können. Dieser Mut beschämt mich, weil ich denke, ihn nie haben zu können.

Zurück zu Vuillard. Es gibt in seiner Art zu schreiben etwas, was ich bewundere und ich mir gerne aneignen würde. Es ist ihm egal, was andere darüber denken, wie er schreibt. Er nimmt sich sein Thema, dreht und wendet es, fügt hinzu, lässt weg, formt und verformt und macht es damit zu etwas eigenem. Völlig ungeniert betreibt er eine Form von historical appropriation und das letzte wovor er Angst hätte, wäre ein Geschichtsprofessor, der ihm auf die Füße kackt. Nicht dass er es mit den Fakten nicht genau nähme. Nein, nur geht er nicht einen, sondern zwei oder drei Schritte weiter in der Überzeugung, in diesem, der Beweisbarkeit fast gänzlich entzogenem Terrain auf die Wahrheit zu stoßen, die hinter all dem liegt, was bekannt und verlässlich dokumentiert ist. Mit anderen Worten, er macht aus Geschichte Literatur, aber nicht durch grandiose Flügelschläge wie zum Beispiel Hillary Mantel (oder viele andere vor, mit oder nach ihr), sondern durch ein Zittern, das sämtliche Glieder des rein Faktischen durchfährt und ihnen fremdartige, aber ihrem Wesen vollständig entsprechende Bewegungen entlockt.

Judas

Amos Oz, Judas, Suhrkamp Verlag,

Die widersprüchlichste, und damit interessanteste Figur des Neuen Testamentes ist zweifellos Judas Ischariot, jener Jünger, der Jesus um den Preis von dreißig Silberlingen verriet und sich, nachdem er den Frevel seiner Tat erkannte, an einem Baum erhängte. Die Widersprüchlichkeit ergibt sich nicht nur aus der uneinheitlichen Beschreibung jener Ereignisse in den überlieferten Berichten, sondern vor allem dadurch, dass die eigentliche Motivation des Verräters nicht deutlich wird. In den synoptischen Evangelien heißt es lapidar: „Der Teufel fuhr in Judas.“ Johannes dagegen erzählt, Judas hätte die gemeinsame Kasse der Jünger verwaltet und sich daraus Geld für sich entwendet. Das deutet auf Habgier als Motiv für den Verrat. Nur – 30 Silberlinge waren damals nicht viel Geld und der Name Ischariot (Mann aus Kariot) legt nahe, dass Judas nicht aus armen Verhältnissen stammte.

Dennoch wurde Judas zum Sinnbild der Niedertracht, zum Archetyp der Treulosigkeit. Zwar gab es im Laufe der Jahrhundert immer wieder Gelehrte, die zu seinen Gunsten argumentierten, aber diese Stimmen wurden von den christlichen Meinungsführern rigoros unterdrückt. Zu glücklich war man mit dem Verräter Judas, zu gelegen kam ihnen dieses Feindbild, vor allem wenn es darum ging, Juden hinzuschlachten.

Über die Frage, was Judas nun wirklich antrieb, herrscht bis heute keine Einigkeit. Noch immer versuchen sich Theologen und christliche Historiker daran, eine Erklärung zu finden, die alle vorhanden Widersprüche aufhebt, ohne den profanen Standpunkt jener einzunehmen, die alle Geschichten rund um Jesus nur für eine Erfindung halten und sämtliche Ungereimtheiten in den vorhanden Schriften auf die unterschiedlichen Intentionen der jeweiligen Schreiber und ihrer Auftraggeber zurückführen.

Für den Literaten dagegen liegt der Reiz der Judasfigur gerade in dieser nicht aufgelösten Zwiespältigkeit. Sie kann als Sprungbrett für wilde Theorien dienen, wie sie zum Beispiel Jorge Luis Borges in „Drei Fassungen von Judas“ einem dänischen Gelehrten in die Feder diktiert. Dieser kommt letztendlich zu dem Schluss, Judas sei der eigentliche Messias und Gottessohn gewesen.

Amos Oz geht in seinem Buch Judas einen anderen Weg. Er lässt seinen Protagonisten das Verhältnis der Juden zu Jesus erforschen. Der Verräter Judas wird dabei zum einzigen Menschen, der wirklich an die Göttlichkeit Jesu geglaubt hatte und ihn nur deswegen verriet, damit dieser es vor den Augen aller bezeuge, indem er unversehrt vom Kreuz stiege und danach Rache an seinen Feinden übte. Gespiegelt wird diese Theorie in der Geschichte, die Oz erzählt. Denn die unnahbare und geheimnisvolle Frau, in die sich sein Protagonist verliebt, ist Tochter eines ehemaligen Weggefährten von Ben-Gurion, der in Ungnade gefallen war, weil er sich gegen die Gründung des Staates Israel ausgesprochen hatte. Die Vision eines friedlichen Zusammenlebens von Arabern und Juden – vergleichbar mit Judas Glauben an Jesu Friedensutopie – ohne die gewaltsame Errichtung eines Staates, ließ ihn in den Augen aller anderen als Verräter dastehen.

Amos Oz Geschichte spielt in den späten fünfziger Jahren. Da haben alle schon einen hohen Preis für den Kampf um einen jüdischen Staat bezahlt. Ob dieser gerechtfertigt war und man lieber doch auf den „Judas“ hätte hören sollen, bleibt offen. Die Ambivalenz, welche die Person des Judas Ischariot umgibt, legt sich über das hier Erzählte und man wird Zeuge davon, wie Literatur das tut, was sie am besten kann: Nachdenklich Fragzeichen in eine Welt pflanzen, die voll ist von willkürlich aufgestellten Ausrufezeichen.

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Amos Oz, Judas, Suhrkamp Verlag, ISBN-10: 3518424793

Deutschland Abendland

Sinn & Form, Drittes Heft 2020, Akademie der Künste

Erste Lektüre in dem neuen Heft: Ein Essay von Sabine Kienlechner über den Begriff Deutsches Abendland, der einen recht kurzweiligen Ritt durch knapp anderthalb Jahrhunderte unternimmt und dabei Halt macht bei Hölderlin, Hegel und Heidegger. Dazu eine Prise Wilhelm von Humbold, Horst Schliemann und natürlich Stefan George, den man es zu verdanken hat, dass über Hölderlin heute überhaupt noch gesprochen wird. Thematisch dreht sich die Schrift um die diesen deutschen Geistesmenschen eigene Bessenheit von der Antike, insbesondere der grieschichen. Und schnell wird klar, wie sich da etwas herausbildete, das später ganz unsägliche Blüten trieb, nämlich der Gedanke (oder das Gefühl) Erbe einer besonderen, herausragenden und einzigartigen Form der Zivilisation – der Zivilisation an sich – zu sein, im Deutschen sich sozusagen das Griechische nicht nur fortsetze, sondern erfülle und das Deutsche Abendland das gleichwertige Äquivalent zum sagenhaften, in den buntesten Farben ausgemalten und mit dem glänzenden Zirat heroischer Abenteuerlust versehenen Orient bildete, der so nur in der verqueren Vorstellung jener teutonischen Psychonauten existierte.

Das Ironische dabei ist, dass nur wenige diese Grecophilen das Land ihrer Projektionen jemals besucht hat. Wahrscheinlich ahnten sie, hier könne nur Enttäuschung und Ernüchterung auf sie warten. So erging es jedenfalls Heidegger, als er im Alter von 73 Jahren schließlich sich wagte, in die Ägäis zu reisen. Er kam nach Korfu, Santorin, Kos und viele andere Inseln. Doch verließ er nie das Schiff.

Das erscheint mir als typisch deutsch. Zwar geht der deutsche Tourist heute gerne an Land, aber dort will er dann nur das haben, was der Reiseprospekt ihm vorgegaukelt hat, so wie Heidegger das Griechenland Homers nicht vermissen wollte und ehe die Realität ihm sein Traumbild verhagelte, es vorzog, erst gar nicht hinzusehen. Der Deutsche ist im Grunde ein Typus, der nur im Kopf reisen sollte. Dort ist alles aufgeräumt und an dem Platz, an den es gehört. Die Sonne scheint, das Meer glitzert und vor Leidenschaft bebende Südländerinnen servieren Bier und Schnitztel, während der Mond mit homerischem Schlachtengeklirr im Meer versinkt.

Briefe an die Zukunft

Sebastian Haffner, Zur Zeitgeschichte, rowohlt repertoire


Wer über die Vergangenheit schreibt, hat immer die Zukunft im Sinn. Das trifft besonders auf Historiker zu und unter diesen in noch stärkerem Maße auf diejenigen, deren Thema die deutsche Vergangenheit ist. Sich mit der deutschen Geschichte der letzten zweihundert Jahre zu beschäftigten (um genau zu sein seit 1815) ist eine Profession für Menschen, denen es nichts ausmacht sich beständig an den Kopf zu greifen. So viel ist da falsch gelaufen. Um so größer natürlich die Hoffnung, man möge doch bitte daraus lernen.

Einer, der die Mühe auf sich genommen hat das Vergangene aufzuzeichnen, zu analysieren, damit künftige Generationen nicht nur verstehen, sondern auch die richtigen Schlüsse zu ziehen vermögen, war Sebastian Haffner. Seine Bücher über Hitler, das Deutsche Reich, die Entwicklung von Bismarck bis zu Hitler, Preußen und andere, mit der deutschen Geschichte verbundenen Themen wurden zum Teil Besteller und hatten Millionenauflagen.

Nun war Haffner eigentlich kein Historiker, sondern in erster Linie Journalist und schrieb für englische und deutsche Zeitungen und Zeitschriften. So auch für die Konkret, in der er zwischen 1963 und 1971 Buchrezensionen verfasste. 1982 veröffentlichte er 36 dieser Artikel in überarbeiteter Form in dem kleinen Bändchen „Zur Zeitgeschichte“, das vom Rowohlt-Verlag in seiner Repertoire-Reihe 2017 wieder aufgelegt wurde. Zum Glück.

Schon auf der ersten Seite, in dem Essay „Über Geschichtsschreibung“ wird einem klar, es hier mit einem besonderen Büchlein, vor allem aber mit einem besonderen Autor zu tun zu haben, der um die Probleme seines Gegenstandes genau Bescheid weiß:

„Geschichtsschreibung ist in erster Linie Kunst: wie jede Kunst besteht sie hauptsächlich im Weglassen. Die meisten französischen und englischen Geschichtsschreiber wissen das instinktiv; deswegen sind sie so lesbar und so wirksam. Die meisten deutschen und amerikanischen Geschichtsschreiber wissen das nicht; fast alle ihre Werke sind überdokumentierte, unlesbare Wälzer (die Unlesbarkeit fängt schon damit an, dass man sie im Bett, wo die meisten Leute lesen, nicht in der Hand halten kann). Die meisten deutschen Historiker wollen dem Leser mit ihren Detailkenntnissen imponieren und ertränken ihn in Material. Der Historiker ist aber gerade dazu da, dem Leser die Materialverarbeitung abzunehmen und ihm Extrakte und Resultate zu liefern, und zwar in pointierter, griffiger Form. Das ist schwerer als einfach seine Zettelkästen über den Leser auszuschütten: aber man wird dafür belohnt: Man wird gelesen, und zwar mit Genuss und Dankbarkeit.“

Auch wenn Haffner hier den Historiker Arthur Rosenberg im Sinn hat (was die pointierte, lesbare Art der Geschichtsschreibung angeht), trifft das Gesagte doch auch voll und ganz auf ihn zu.

Was machen aber nun Buchbesprechungen aus den sechziger Jahren heute noch lesenswert? Zum einen natürlich die Bücher selbst, behandeln doch einige von ihnen Themen und Probleme, die uns heute noch auf den Nägeln brennen, viel mehr noch als damals. So zum Beispiel das Buch „Die Reichen und die Superreichen“ von Ferdinand Lundberg, in Deutschland erschienen 1969. Lundberg beschreibt hier die schon damals bestehende Klasse von Superreichen, die sich schon weit außerhalb der Spähre des reichen und erfolgreichen Unternehmers befanden, der aber immer noch in der Gefahr schwebte, seinen Reichtum wieder zu verlieren. Der Reichtum der Superreichen aber war ob seiner Größe schon damals systemrelevant, ihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft so tiefgreifend wie undurchschaubar. Und das lange vor einem Warren Buffet, Jeff Bezos oder Bill Gates.

Auch der Essay über die Christliche Linke ließt sich erstaunlich aktuell – man braucht nur aus links rechts zu machen und käme zu ähnlichen Schlussfolgerungen.

Des Weiteren enthalten diese Essays wertvolle Literaturhinweise. So zum Beispiel auf C.V. Wedgwoods Buch über den dreißigjährigen Krieg. Ein echter Geheimtipp. Ich habe mir das Buch gekauft und es ist mit Abstand das Beste, was ich bisher zu dem Thema gelesen habe. Auf Wedgwood trifft zu hundert Prozent das zu, was Haffner über die englischen Geschichtsschreiber, in diesem Fall eine Geschichtsschreiberin, gesagt hat.

Es werden auch einige historischen Irrtümer berichtig, Irrtümer, die sich bin in unsere Zeit halten. Zum Beispiel was den Staat Preußen angeht, dessen Erbe die Alliierten unter anderem als Grund für die nationalistische und kriegerische Hysterie und Barbarei der Deutschen verantwortlich machten und deshalb versuchten, dieses mit Stumpf und Stiel auszureißen, so dass im öffentlichen Leben an Preußen heute nur noch die Namen mancher Fußballklubs erinnern. Dass Preußen aber der Gegenentwurf zum Nationalstaat war, ihm ein kleines Deutschland eher im Sinne lag und es Kaiser und Bürgertum waren, die das Deutsche Reich wünschten und dieses schnellst möglich zu einem Imperium machen wollten, ein Wunsch, dessen Scheitern schließlich zur Naziherrschaft führte –  in der Schulbuchgeschichtsschreibung kommt das nicht vor. Überhaupt Preußen, bei all dem Übel, dem Militarismus und der Gängelei seiner Untertanen, wer weiß was aus Deutschland geworden wäre, hätte es nur ein, zwar preußisches, Deutschland gegeben, aber kein Deutsches Reich. Aber auch das ist Geschichte, die Beschäftigung mit dem Konjunktiv der, was die Vergangenheit betrifft zwar fruchtlos ist, bei Überlegungen wie die Zukunft aussehen könnte aber durchaus den einen oder anderen erhellenden Gedanken bereithalten kann.

Nur in zwei Essays schießt Haffner über das Ziel hinaus, beziehungsweise zeigt er eine für ihn ungewöhnliche Naivität (um das Wort Dummheit zu vermeiden). Diese betreffen die Wissenschaft und da kommt der Konservative in ihm zum Vorschein, da ist er dann doch ganz Kind seiner Zeit. Wobei man auch über diese, für den heutigen Leser rückständige, Gedanken diskutieren kann, vielleicht sogar muss, erleben wir doch heute eine Regression, verliert die wissenschaftliche Erkenntnis gegenüber dem was geglaubt wird mehr und mehr an Zuspruch.

Explizit geht es um die Frage Wissenschaft als Religion und was Haffner nicht begreift ist, dass man diese beiden Dinge nicht vergleichen kann, dass sie nicht die gleiche Sprache sprechen und eine Gesellschaft, die der Religion entsagt und sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert, Wissenschaft nicht als Religionsersatz ansieht, besonders wenn es um die Frage geht, woraus man seine ethischen Leitsätze herleitet. Das Bild des kalten Wissenschaftlers, der sich nicht um Moral, sondern nur um Ergebnisse und Resultate schert, ist ein Bild aus Zeiten des kalten Krieges, als der Atomtod als gefühlte Bedrohung in den Herzen der Menschen saß. Zum Glück sind wir heute weiter.

Dessen ungeachtet sind Haffners Essays eine erhellende Lektüre trotz ihres Alters und wegen ihrer Aktualität und dem Wissensschatz den sie erhalten. Sie sind Briefe, vor fünfzig Jahren geschrieben auf der Suche nach Adressaten in der Zukunft, die heute ist.

Sebastian Haffner, Zur Zeitgeschichte, rowohlt repertoire, ISBN 978-3-688-10217-4

Die puritanische Verschärfung

Jan Assmann ist Ägyptologe und fleißiger Erforscher des Monotheismus und seiner Ursprünge.

In seinem neuesten Buch „Totale Religion“ untersucht er den Zusammenhang von Gewaltbereitschaft und religiösem Totalitarismus, wie er in den monotheistischen Religionen zu finden ist. Dabei geht es um die Frage, ob die brutale Durchsetzung eines Alleingültigkeitsanspruches in der Religion selbst begründet ist, oder ob es eine andere Ursache dafür gäbe. Und tatsächlich findet er eine Alternative zur gängigen Interpretation, die alttestamentarische Exklusivitätsideologie sei per se gewaltfördernd. Nicht die Idee, es gäbe nur einen Gott birgt die Gefahr des Exzesses, sondern die Unterwerfung des Religiösen unter das Politische. So sei der Monotheismus eines Abraham noch von universalem Charakter gewesen, die Bündnistheologie eines Moses dagegen ausschließend und aus dem Nebeneinander ein Gegeneinander machend. Dies geschah durch die Politisierung der Religion, die Gott den gleichen Hoheitsanspruch verschaffte, wie sie absolutistische Herrscher der damaligen Zeit (vor allem der Assyrer und Babylonier) für sich beanspruchten.

Assmann stützt seine Argumentation mit einer Analyse der politischen und religiösen Situation in der die alttestamentarischen Texte geschrieben/zusammengestellt/redigiert wurden und sieht in der jüdischen Gesellschaft um 600 vor Christus ein ähnliches Aufeinandertreffen von Weltoffenheit und puritanischem Reinheitswahn, wie wir ihn auch heute wieder, vor allem in der islamischen Welt, aber auch in dem wiedererstarkenden christlich/evangelikalen Fundamentalismus beobachten können.

Das ist schlüssig argumentiert und zum großen Teil nachvollziehbar. Schade nur, dass Assmann gegen Ende des Buches zur einer Apotheose religiösen Denkens ansetzt (als sei er selbst erleichtert über die Ergebnisse seiner Untersuchungen). So schreibt er: „Im Gegenteil scheint Religion das einzige Mittel zu sein, das dem Menschen gegeben wurde, Gewalt – soziale und politische – einzudämmen und ihr nicht Gegengewalt, sondern eine andere Macht entgegenzusetzen.“

Zwar gesteht er ein, die eine Wahrheit, die alles andere ausschließt gäbe es nicht, und es sei auch nicht „einzusehen“, dass Religion mit Gewalt etwas zu tun habe, behauptet aber, Religionen hätten einen unschätzbaren Anteil an der Humanisierung des Menschen und der Bewohnbarkeit der Welt geleistet. Das abschließende Bonhoeffer-Zitat „Gott ereignet sich, wo immer an ihn geglaubt wird“ rundet diese „In der Gottesvorstellung kommt der Mensch erst wirklich zu sich“- Stimmung der letzten Seiten ab. Was er völlig außer Acht lässt ist die Tatsache, dass die Frage von Gewalt und Religion nicht nur eine sich gegenseitiger bekämpfender Ideologien ist, sondern inwiefern sie auch die Munition für Gewalt innerhalb der gesellschaftlichen Struktur einer durch eine bestimmte Religion geprägten Gemeinschaft liefert. Die puritanische Verschärfung zeigt sich eben nicht nur im religiös motivierten Terrorismus, sondern auch im Ehrenmord, in der männlichen Bestimmungshoheit über den weiblichen Körper, sexueller Bevormundung, Ablehnung alternativer Lebensmodelle und Wissenschaftsfeindlichkeit. Aber gerade dieser Gewalt fallen wesentlich mehr Menschen zum Opfer, als den Versuchen totalitärer Glaubensrichtungen politische Macht zu erlangen.

Lesenswert ist dieses Buch trotzdem.

Jan Assmann, Totale Religion – Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung, Picus Verlag Wien, ISBN 978-3-7117-2045-0

Kierkegaard

Sünde, schreibt Kierkegaard im zweiten Abschnitt von “Die Krankheit zum Tode”, ist die potenzierte Schwachheit oder der potenzierte Trotz. Sie ist, so der dänische Philosoph, die Potenzierung der Verzweiflung.

Nur ein christlich modellierter Geist kann Schwachheit, Trotz und Verzweiflung zusammenschirren, um sie in das Zentrum existenzieller Erschütterungen zu treiben. Denkt man sich dagegen die Sünde weg, dann sind Schwachheit, Trotz und Verzweiflung nur Ampeln auf dem Lebensweg, die lieber rot als grün zeigen, aber nichts damit zu tun haben, welche Richtung man letztendlich einschlägt.

Kierkegaard war entweder zu gläubig oder einfach nur zu sehr Mensch, um sich mit dem perversen Konzept der Sünde wirklich anfreunden zu können. Eine ganze Philosophie begründete er nur in dem Bestreben, Mensch zu bleiben angesichts einer unmenschlichen Gottheit.

Adverb

Die Subversivität von Adverben:

Lincoln bezeichnete die Vereinigten Staaten als “this almost chosen people” – dies beinahe erwählte Volk. Henning Ritter dazu in seinen Notizheften: “Wie kann man beinahe auserwählt sein – ohne nicht auserwählt zu sein?”

Ein anderer Fall:

Zephanja 2:3 nach der Übersetzung von Schlachter: “Suchet den HERRN, alle ihr Demütigen im Lande, die ihr sein Recht übet! Suchet Gerechtigkeit, befleißiget euch der Demut; vielleicht werdet ihr Bergung finden am Tage des Zornes des HERRN!”

Allen Anstrengungen zum Trotz, droht ein “vielleicht” über der erhofften (und vermeintlich verdienten) Errettung.

Es scheint, als ob sowohl Lincoln, als auch der alttestamentarische Prophet nach einem Weg suchten, ihre Zweifel zu artikulieren, ohne das zu verraten, wofür sie einstanden. Niemand weiß, wie lange sie über ihrem Dilemma brüteten. Aber beide fanden den Ausweg in einem simplen Adverb.

Die Mitte der Ewigkeit

Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel beschäftigt sich mit so spannenden Themen wie dem praktischen Rationalismus und dem Spannungsverhältnis zwischen subjektiven und objektiven Standpunkten im Hinblick auf Ethik, Moral und Politik. Dem Diskurs mit der Welt, den wir mit Hilfe des Verstandes führen, geht ein innerer Diskurs mit uns selbst voraus, der mit Begriffen wie Klugheit oder Moralität noch nichts anzufangen weiß und somit als subjektivitätsmetaphysisch bezeichnet werden kann. Aus der Auseinandersetzung dieser beiden Wahrnehmungsebenen, die ständig versuchen einander zu verdrängen, entstehen die Prinzipien des Handelns.

1979 erschien Nagels Buch „Letzte Fragen“ (Originaltitel: Mortal Questions), mit Essays über verschiedene Themen, wie das Absurde, Krieg und Massenmord, Gleichheit und sexuelle Perversion. Ebenfalls darin enthalten ist sein berühmter Aufsatz: „Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?“
Der für mich interessanteste Essay ist gleich der erste im Buch, betitelt: Der Tod. Er beginnt mit der Frage:
„Warum eigentlich ist es schlimm zu sterben, wenn doch der Tod das Ende unserer Existenz ist, unwiderruflich und bis in alle Ewigkeit?“
Das Übel des Todes, so stellt er fest, liegt nicht im Zustand der Nichtexistenz, sondern in dem Herausnehmen aus der Zeit, dem Abschneiden der Zukunft. Um das zu verdeutlichen, führt er einen Gedanken von Lukrez an. Dieser meinte, niemand mache sich Gedanken über seine Nichtexistenz vor der Geburt, also gäbe es auch keinen Grund, über die Nichtexistenz nach dem Tod zu grübeln, da diese nur ein Spiegelbild des Vorherigen sei. Aber, so Nagel, die Zeit nach unserem Tod ist Zeit, die uns geraubt wird. Wären wir nicht gestorben, könnten wir noch leben – der Tod also bedeutet auf alle Fälle einen Verlust, und zwar den an Zeit und Möglichkeiten. Die Spanne vor der Geburt wird nicht als Verlust betrachtet, weil jeder Mensch nun mal nur in dem Moment geboren (besser gesagt gezeugt) werden kann, an dem es passierte. Andernfalls wäre er eben nicht dieser Mensch, sondern einfach ein anderer. So sind die biologischen Gegebenheiten. Es gibt also keine Möglichkeiten für das Individuum vor seiner Geburt. Danach aber gibt es davon unzählige, die der Tod zu irgendeinem Zeitpunkt zunichte macht.

Soweit Nagel. Ich möchte nun dieses Gedankenspiel über die vorgeburtliche Nichtexistenz im Vergleich mit der postmortalen noch ein wenig fortsetzen. Dass das Nichtsein vor unserer Geburt von uns nicht als Verlust betrachtet wird, liegt ja nicht nur daran, dass es einfach eine biologische Unmöglichkeit ist, als der gleiche Mensch früher geboren worden zu sein. Es liegt meines Erachtens vor allem an unserer intellektuellen Fähigkeit, die Vergangenheit als einen Teil unseres eigenen Seins zu betrachten. Das betrifft nicht nur Naheliegendes, wie die eigenen Vorfahren, sondern auch die Geschichte des Landes, in dem man lebt, nicht zuletzt die Geschichte der Menschheit selbst. Die Vergangenheit ist, auch wenn wir sie nicht erlebt haben, dennoch Teil unserer Erfahrung (natürlich beschäftigen sich die Menschen sehr unterschiedlich mit der Vergangenheit, die einen mehr, die anderen weniger, manche vielleicht überhaupt nicht. Aber zumindest in unserer Informationsgesellschaft ist es nahezu unmöglich, ohne jegliche Vergangenheitserfahrung groß zu werden oder zu leben). Die Zeit vor unserer Geburt ist deswegen kein Verlust, weil wir sie aufgrund der Beschaffenheit unseres Geistes nacherleben können.
Mit der Zeit nach unserem Tod verhält es sich naturgemäß völlig anders. Sie ist uns nicht zugänglich. Zwar ist es für viele interessant und anregend sich Zukunftsvisionen auszumalen, Science Fiction Geschichten zu lesen oder als Film anzuschauen. Aber daraus entsteht nie das Gefühl einer Erfahrung oder des wenigstens indirekt beteiligt seins, wie beim Betrachten der Vergangenheit. Um Zukunft als Erfahrung zu haben, muss man sie erleben. Die Nichtexistenz nach dem Tod ist also ein Erlebnisverlust.

Noch etwas kam mir bei der Gegenüberstellung von den beiden Formen der Nichtexistenz in den Sinn: das Problem den Begriff Ewigkeit gedanklich zu erfassen.
Mir wurde als Kind beigebracht, Gott habe schon immer existiert. Unzählige Male habe ich versucht, diese Tatsache zu denken, aber es war nicht möglich. Innerhalb weniger Momente kamen ganz banale Fragen auf wie: Was hat er denn die ganze Zeit gemacht? Und davor? Und vor dem Davor?
Es geht einfach nicht, wir sind in unserem Denken sosehr in der Zeit verhaftet, dass wir allem einen Anfang geben müssen. Es ist ein intellektuelles Verlangen, alle Dinge bis zu ihrem Ursprung, ihrem Beginn zurückzuverfolgen. Daher ist die Existenz eines allmächtigen seit Ewigkeiten existierenden Gottes für viele nicht akzeptabel.
Dagegen macht uns unsere genauso ewige Nichtexistenz vor der Geburt keine gedanklichen Probleme. Auch die Vorstellung, vor dem Urknall gab es keinen Raum und keine Zeit, also irgendwie Nichts, ist leichter zu erfassen, als ein schon immerwährendes Etwas. Nichtexistenz ist in der Zeit vor unserer Geburt für uns also gedanklich zu erschließen.
Durch die Tatsache unserer Existenz, drehen die Dinge sich um. Nun ist die Vorstellung des zukünftig ewigen Nichtexistierens nicht mehr wirklich zu denken. Der Tod nimmt uns aus der Zeit und wir haben für diesen Zustand keine Begriffe mehr. Auch wenn unsere Nichtexistenz vor dem Tod theoretisch ebenso ewig war, ist sie es in unserem Denken nicht, denn sie hatte mit unserer Geburt ein Ende. Dem wird aber, unter Ausklammerung jedweden religiösen Hoffnungen, im Falle der Nichtexistenz nach dem Tod nicht so sein.